Ein Porträt

I / „by John Giorno“

1967 veröffentlichte John Giorno einen Band mit Gedichten, der den Titel „POEMS BY JOHN GIORNO“ trug, mit dem Zusatz „/ by John Giorno“: „POEMS BY JOHN GIORNO / by John Giorno“.

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GEDICHTE VON JOHN GIORNO von John Giorno? Was bedeutet das?

Der Gedichtband beginnt mit einem Gedicht, das mit „Leather“ überschrieben ist. Das Gedicht beginnt so:

This is your letter
of welcome
to Gentlemen’s Quarterly,
Americas newest,
boldest,
most exciting
journal for men –

Ein Gedicht?

Dass es eines sein könnte, diese Erfahrung macht man beim Abschreiben: „Americas newest“, das beginnt zu klingen, beinahe zu reimen durch -as -est, was verstärkt, was noch reimender und klingender wird durch das folgende, in einer neuen Zeile vom vorangehenden abgesetzte „boldest“, wiedererholt und variiert durch das „most“ der wiederum folgenden Zeile, die etwas sehr Aufregendes verspricht. Diese Lautfolge und ihre Rhythmisierung durch Zeilenbrüche ist für den, der sie hört, der sie liest und schreibt, der sie abschreibt, aufliest und mit ihr auf das hört, was hier beginnt und versprochen und gesprochen wird, aufregend. Sie verspricht nicht: sie spricht. Sie ist: ein Gedicht.

Vielleicht offensichtlicher, als dass dieser Text ein Gedicht ist, ist, dass er ein Werbetext für ein Männermagazin war. Dieser Text war ein Werbetext – und er wurde Gedicht. Wie funktioniert das? Wie wird ein Text Gedicht?

Es sind zwei Operationen, die ihn zum Gedicht machen. Die erste Operation geschieht, während der Text geschrieben wird. Die zweite Operation geschieht, indem der Text abgeschrieben wird.

Der den Text schreibt, nutzt zur Verstärkung der Botschaft, um derentwillen er geschrieben wird, Mittel, wie sie die Dichter seit jeher entwickelt und benutzt haben: Damit sein Text gehört wird und damit wir auf ihn hören, verstärkt er seine Botschaft und seine Wirkung durch lautliche Wiederholungen und deren Rhythmisierung durch Variierung.

Der den Text abschreibt, wiederholt den Text, als Ganzes und in seinen sich selber wiederholenden Teilen, und er variiert ihn zugleich, denn er bricht seine Wortfolge in eine Folge von Zeilen, und er rhythmisiert dadurch die Wiederholung seiner Klänge noch stärker. Der den Text abschreibt, verstärkt weiter, was der, der den Text schreibt, bereits verstärken wollte – und jener löst dadurch ein, was dieser verspricht:

Americas newest,
boldest,
most exciting
journal for men –

Amerikas neueste, mutigste, aufregendste – Dichtung.

Die beiden Operationen sind die Wiederholung und die Wiederholung der Wiederholung. John Giorno belässt es nicht bei diesen beiden Wiederholungen, er wiederholt beide ein drittes Mal: Diesmal, indem er den Text, der bereits Gedicht ist, in einen Gedichtband aufnimmt. Auch diese Wiederholung verstärkt: Sie verstärkt, dass der Text, der Gedicht wurde, Gedicht ist. Er wurde Gedicht durch seine lautliche und rhythmische Organisation, er ist Gedicht, weil er ist, was er sagt, und er bleibt Gedicht, weil er in einem Gedichtband steht.

Das ist, was „POEMS BY JOHN GIORNO / by John Giorno“ bedeutet: die Wiederholung einer Wiederholung. „Leather“ ist ein Gedicht von John Giorno, das durch Abschreiben entsteht. „POEMS BY JOHN GIORNO / by John Giorno“ ist ein Gedichtband von John Giorno, der durch Abschreiben von Abgeschriebenem entsteht: durch Wiederholung von Wiederholung.

Die Typographie des Bandes wiederholt und variiert diese Wiederholungen auf ihre Weise: Die Schreibmaschinenschrift der Gedichte steht für Schreiben durch Abschreiben, die Schrift der Schreibmaschine steht für Tippen und Abtippen. Die klassisch anmutende Antiqua der Titelei dagegen steht für Satz, für Setzen und Absetzen, sie steht für Distanz und Erhebung und Überhöhung. Die Antiqua steht für „POEMS BY JOHN GIORNO“, die Schreibmaschinenschrift steht für „/ by John Giorno“.

 

II / „POEMS BY JOHN GIORNO“

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„POEMS BY JOHN GIORNO / by John Giorno“, erschienen 1967 in der Mother Press, N.Y.C., ist das erste Buch von John Giorno. Die Verdoppelung, die eine so große Rolle in den späteren Gedichten von John Giorno spielen wird, spielt hier bereits im Titel mit. In diesem Buch, sagt sein Titel, sind nicht einfach Gedichte von John Giorno, es sind Gedichte von John Giorno von John Giorno.

Beim Lesen der Gedichte von John Giorno und beim Lesen des Gedichtbandes der Gedichte von John Giorno von John Giorno merkt man schnell, dass diese Gedichte nur bedingt von John Giorno sind. Das erste Gedicht des Bandes, „Leather“, ist eine Montage von Texten, für die John Giorno den Werbebrief für Neuabonnenten der Zeitschrift „Gentlemen’s Quarterly“, die Beschreibung der Kopulation zwischen einer Frau und einem Mann und die Beschreibung des Effekts von Hormonen auf den Lebenszyklus von bugs sowie die Erzählung von jemandem verwendet, der oder die berichtet, wie er oder sie sein oder ihr Haus einrichtet, und einigen anderen Textteilen mehr, die John Giorno in der ihn täglich umgebenden Wörterwelt vorfindet. Zu Gedichten von John Giorno werden diese von John Giorno also gefundenen und mit Titeln versehenen Texte und Textkombinationen, indem John Giorno sie als Gedichte von John Giorno bezeichnet.

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Das Verfahren ist nicht neu, berüchtigt sind die Ready Mades von Marcel Duchamp in der bildenden Kunst. Doch John Giornos „found poetry“ ist kein Ready Made. Der Witz der Ready Mades ist, dass sie bereits gemachte Dinge (already made) zu bereitgemachten Dingen machen. John Giornos Gestus dagegen ist radikaler, und er ist brachialer. John Giornos „found poetry“ verändert nichts. Sie gibt, was sie gibt. Selbst in der Montage bleiben mögliche Bezüge zwischen den Textteilen unbestimmt und laden nicht zur Deutung ein, wenn auch der Gestus der Montage eine solche nahelegt; deshalb erscheinen die nicht montierten, die nur isolierten Textteile noch präziser und konziser:

Alone on a Beam

Alone on a beam
260 feet above the water,
Frederick Korn, 21,
threatens to leap
from Verrazano-Narrows Bridge.

Hier bekommt man nichts anderes als das, was man liest. Es ist der Moment, den „Naked Lunch“ meint: der Moment, in dem man ganz genau sieht, was, von der Gabelspitze aufgespießt, auf dem Weg zum Mund ist.

Die Traditionslinie der Gedichte von John Giorno ist der Zylinder von Tristan Tzara, aus dem dieser wahllos Wörter zieht und als Gedicht deklamiert, oder, sowohl zeitlich als auch räumlich und sogar persönlich näher, die Cut-Ups von Brion Gysin und William S. Burroughs. Aber indem Tzara, Gysin und Burroughs das, was sie an Wörtern vorfinden, auflösen, zerschneiden und neu kombinieren, verändern sie es. John Giorno verändert nichts – oder nur wenig. Er nimmt einen Text, bricht ihn in Zeilen, stellt diese unter einen Titel, den er dem Text entnimmt, und nennt sie Gedichte von John Giorno:

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Aber John Giorno macht auch keine Cut-Ups. Ein Cut-Up löst Wörter aus dem Kontext ihrer Sätze, damit sie neue Verbindungen eingehen und zu neuen Sätzen mit neuen Botschaften werden können. Dem Cut-Up geht es um die Veränderung der Botschaft, es geht ihm um eine Botschaft in der Botschaft, die erlöst oder herausgelöst werden soll.

Genauso wenig macht John Giorno, um beim Bild zu bleiben, Collagen. John Giorno setzt kein Bild aus andern Bildern zusammen. Er überblendet Bilder. Wäre er Fotograf, dann würde er seine Bilder überbelichten. Er löst das Bild auf. Er schafft Helligkeit, er schafft Licht. Es geht ihm nicht darum, etwas Anderes zu sehen. Es geht darum, zu sehen – ohne etwas Bestimmtes zu sehen. Es geht nicht um Erkenntnis, es geht um Transzendenz von Erkenntnis. Es geht um das, was ist. Was in den „POEMS BY JOHN Giorno / by John Giorno“ entsteht, ist ein Panoptikum Amerikas, eine Bildfolge amerikanischer Realität.

 

III / „POEMS BY JOHN GIORNO / by John Giorno“

Am konsequentesten ist John Giorno dabei am Ende seines Buches, in der langen Folge von Texten unter dem Titel „The American Book of the Dead (SELECTIONS)“, in der Bilder des Todes neben Bilder ohne offensichtlichen Bezug zum Tod gestellt werden – am konsequentesten deshalb, weil diese Gedichte zwar unter einem Obertitel, aber sonst ohne Titel stehen: Jedes Gedicht steht für sich und in der Mitte der Seite, ohne jede weitere Erklärung und ohne einen andern Kontext als den eines „amerikanischen Buchs der Toten“, aus dem sie stellvertretend und als eine Auswahl stehen.

 

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Die Operation dabei ist dieselbe wie in den anderen Teilen dieses ersten Buches von John Giorno: Gefundene Texte werden aus dem alltäglichen Textfluss heraus- und in Stücke geschnitten. Sie sterben, um neu wiedererstehen und wieder neu erklingen zu können. Sie gehen in den großen und alle gleichmachenden Fluss der Zeit ein – aus dem sie vergrößert und übergroß, wie Marilyn Monroe und Elvis Presley aus den Entwicklungsbädern ihrer Fotografen und auf den Bildern von Andy Warhol, wieder heraussteigen und für immer fixiert bleiben.

 

IV / Anonymisierung, Dekontextualisierung, Serialisierung, Sexualisierung

 John Giornos Texte – was ist das richtige Wort: nutzen?, verwenden?, bedienen sich? – anonyme(r) Quellen. Sie nehmen auf, was John Giorno in Tageszeitungen, Zeitschriften, am Radio, im Fernsehen oder in Büchern hört und sieht. Man kann auch sagen: John Giornos Texte geben sich – anonymen und befreundeten Stimmen – hin. Sie unterwerfen sich – anonymen und befreundeten – Stimmen.

John Giornos Strategie der Dekontextualisierung von Text – dem Heraus- und Zerschneiden von Texten – ist Teil einer Strategie der Anonymisierung. Dekontextualisierung steigert die Anonymität alltäglicher, oft bereits anonymer Textquellen. Dekontextualisierung intensiviert beide, Text und Anonymität, Star und Allgemeinheit weiter.

 

V / Pop Giorno

John Giorno ist ein Künstler der Pop-Art. Das Arbeiten mit öffentlichen und populären Bildern, ihre Wiederholung und Serialisierung, die Überhöhung des Alltäglichen und die Glorifizierung des Gewöhnlichen, die Isolierung und Verallgemeinerung, Individualisierung und Anonymisierung, Mythologisierung und Entwertung, all das gehört ebenso zu den Grundoperationen der Pop Art, wie John Giorno durch seine Aktionen und Ausstellungen, seine Freund- und Liebschaften, Arbeitsbeziehungen und Veröffentlichungssysteme zu den Gestalten und Gestaltern der amerikanischen Pop-Art von New York City während der 6oer-Jahre gehört.

I started using found images in 1962; I was inspired by, as you know, Andy Warhol, Bob Rauschenberg, and Jasper Johns. They were friends of mine (in ’62 nobody was famous yet), and on a daily basis I saw what they did. The images contained an essence that, in their work, became wisdom. Warhol’s silver Elvises and Marilyn Monroes seem like clichés of popular culture, but they’re not so. They are miraculously occurring images that reflect the culture and the nature of the mind in a very complicated way. They’re not just dumb pop images; they’re miraculous images. Even something like this reflects somebody’s mind.

Es ist kein Zufall, dass es John Giorno ist, der in Andy Warhols erstem Film „Sleep“ sechs Stunden lang nichts weiter tut, als zu schlafen – während Andy Warhol nichts anderes tut, als John Giorno beim Schlafen zu filmen – und beim Schneiden des Films durch Loops Wiederholungen herzustellen.

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John Giorno ist eine Ikone der Pop-Art. John Giorno ist Pop. Pop Giorno. Porno Giorno.

 

VI / Sleep

I was a kid in my early 20s, working as a stockbroker. I was living this life where I would see Andy every night, get drunk and go into work with a hangover every morning. The stock market opened at 10 and closed at three. By quarter to three I would be waiting at the door, dying to get home so I could have a nap before I met Andy. I slept all the time – when he called to ask what I was doing he would say, „Let me guess, sleeping?“]

Der Film „Sleep“ von Andy Warhol ist der erste Auftritt von John Giorno in der Welt der Kunst. John Giorno ist das Medium von Andy Wahrhol und Schlaf das Medium von John Giorno. „Sleep“ ist eine Geburt. Der Film bringt John Giorno hervor.

https://player.vimeo.com/video/4880378

John Giorno ist, während er schläft, zugleich an- und abwesend. Wir sehen ihn. Er sieht uns nicht. Für die Kamera, die ihn filmt, war er da. Für uns, die wir den Film sehen, ist er jetzt hier – und er ist zugleich abwesend und 53, bald 54 Jahre weit entfernt und irgendwann für immer weg. Er sieht uns nicht. Wir sehen ihn.

„Sleep“ ist für seinen Betrachter etwas Ähnliches wie eine Skulptur der italienischen Renaissance, ein David, ein Giovanni, das Bildnis eines italienischen Jünglings. Die Kamera berührt die Haut und erfährt die Textur der Oberfläche, die sie in eine Abstraktion aus Schwarz und Weiß verwandelt. Alles ist nah. Alles ist da. Alles löst sich auf. Es bleibt alles und nichts zurück.

„Sleep“ ist der erste Auftritt von Andy Warhol in der Welt der Filmkunst, und John Giorno und sein Schlaf sind Andy Warhols Medien. Er weiss nicht wirklich, was er tut. Er tut, was er tut, wie ein Schlafwandler. Er verwandelt John Giornos Schlaf in eine Abstraktion aus Schwarz und Weiß und Bewegung.

He didn’t really know what he was doing; it was his first movie. We made it with a 16mm Bolex in my apartment but had to reshoot it a month later. The film jumped every 20 seconds as Andy rewound it.

In the end, 99% of the footage didn’t get used; he just looped together a few shots and it came out six hours long.]

 

VII / Wiederholung

Die Wiederholung ist das Bildprinzip des Films. Die Bewegung des Filmbildes ergibt sich aus der Wiederholung eines Bildes, in dem, von Bild zu Bild, kleine Differenzen sind. Die Folge der Differenzen in der Abfolge der Bilder ergibt ihre Bewegung.

So ähnlich arbeiten John Giornos Gedichte. Seine Bilder sind Standbilder. Wie in der Barockmalerei sind sie momento mori des großen „American Book of the Dead“. Zum Totentanz werden sie durch ihre Wiederholung. In der Wiederholung beginnen sich die Sentenzen zu bewegen. Die Sentenzen beginnen zu tanzen.

When I write a poem, I don’t start with a concept but with something that arises in my mind. From the very beginning, in 1962, and when I first used collage, in 1965, my effort was to mirror the endless thoughts constantly changing in my mind, in everybody’s mind. As metaphors I used images from outside of my mind: found images. You could call that cut-up—the way the mind actually works. The mind is a bit identical to a motion picture, where you have one frame going one after another, making an illusion of something moving. Everything that’s arising actually vanishes before the next thing comes.

Auch die Silkscreens von Andy Wahrhol taugen zum Vorbild, die ihrerseits wiederum Filmbilder zum Vorbild haben.

Denn die Wiederholung ergibt nie dasselbe. Auch wenn die Wiederholung von Wörtern durch den Druck nicht den gleichen Effekten unterworfen ist wie eine Fotografie im Siebdruck, durch das wiederholte Lesen und Hören entsteht eine ähnliche Verwischung. Die Wörter lösen sich gewissermaßen auf, sie lösen sich aus ihrem Verwendungszusammenhang, sie bezeichnen nicht einfach nur, sie beginnen zu zeichnen, klingen, tanzen.

 

VIII / Porno Giorno

Eines der Gedichte in „POEMS BY JOHN Giorno / by John Giorno“ ist – in den großen schwarzen Lettern der Antiqua-Schrift – überschrieben mit „Pornographic Poem“.

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Das pornographische Gedicht ist kein poetisches Gedicht, wenn man unter Poesie eine Art sprachlicher Weichzeichner versteht, der alles in ziemende Unverständlichkeit setzt. Das pornographische Gedicht spricht alles in aller Deutlichkeit aus. Es nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern spricht im Gegenteil davon, wie „ich“ sieben Schwänze in den Mund nimmt und steif macht, um von ihnen in jeder erdenklichen Position gefickt zu werden. Das mag heute, nach der sexuellen Befreiung der 60er Jahre, für die dieses Gedicht von John Giorno auch steht, und dem neuen Puritanismus unserer Zeit, abgelutscht klingen. Damals war es eine Revolution, was sich da mit 33 1/3 Umdrehungen auf dem Plattenteller drehte:

https://www.youtube.com/watch?v=dj6Lwi1S71U

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Die Stimmen sind die Stimmen von John Giornos Freundinnen und Freunde: Robert Rauschenberg, Yvonne Rainer, Peter Schjeldahl, Brice Marden, Patti Oldenburg und anderen mehr.

They were all really good friends of mine. It may seem like they are all famous, but back then, they were just a little bit famous. I recorded three people — Bob Rauschenberg, Yvonne Rainer and Peter Schjeldahl. I was a kid and didn’t really know what I was doing. It was just a way of using sound and technology and voices. The next year, Yvonne Rainer, who really loved it, used it as a six-minute piece as part of her show at the Brooklyn Academy of Music. That was heroic of her — I mean, what was it, 1967? I kept recording and got this idea of an album, 12 people in all. It was like a miracle — you put a microphone in front of them and one second later you’d have their whole sexual history in the sound of their voice. Patti Oldenburg, the wife of Claus Oldenburg: Patti would be the one sewing the giant penis or the giant anything. She was very uptight! The voice tightens, the throat tightens, she gets really nervous. Brice Marden was Bob Rauschenberg’s assistant at the time, in his early twenties. I saw him all the time over at Bob’s, and I just asked him to read it. Brice is straight as a pin, but somehow he just read it really great — it was sexual, he was relaxed about it. Schjeldahl, who’s a bit uptight in real life, read it straight. Robert Rauschenberg and I were lovers for that year and a half or two years. I’d been asking him for months, and he’d say, „Yes, yes, I’ll do it.“ We were in bed one day with terrible hangovers from endless fucking, and he went out, got home at five o’clock, and I said „Bob, you have to read that poem,“ and he just said, „Now.“ Because we had been having sex all day long, his voice was really relaxed and really juicy and really sexual. The point is that all of these people with all of these juxtapositions deal with this sexual energy.

John Giorno lässt seine Freunde seine Gedichte lesen, und er lässt „Pornographic Poem“ von seinen Freunden lesen. John Giornos Texte geben sich – anonymen und befreundeten Stimmen – hin. John Giornos Texte sind deshalb ebenso seine – wie ihre – und unsere. Sie gehören allen. Sie sind genau so zeitlos, wie sie den Geist ihrer Zeit repräsentieren, den Geist der 60er und 70er Jahre, den Geist sexueller Befreiung, den Geist von Promiskuität und anonymem Sex.

 

IX / Anonymisierung, Dekontextualisierung, Serialisierung, Sexualisierung

John Giornos Texte – nutzen?, verwenden?, bedienen sich? – anonyme(r) Quellen. Man kann aber auch sagen: John Giornos Texte geben sich – anonymen und befreundeten Stimmen – hin. Sie unterwerfen sich – anonymen und befreundeten – Stimmen. Seine Texte werden von anonymen Stimmen gesprochen. Er lässt seine Freunde seine Gedichte lesen, und er lässt sie, wie im Gedicht „Pornographic Poem“, von seinen Freunden lesen. John Giornos Texte sind deshalb ebenso seine – wie ihre – und unsere. Sie gehören allen. Sie sind genau so zeitlos, wie sie den Geist ihrer Zeit repräsentieren, den Geist der 60er und 70er Jahre, den Geist sexueller Befreiung, den Geist von Promiskuität und anonymem Sex.

Opening one’s heart, whether in promiscuous sex or with a lover, a long-time affair, is the essence of sexuality. It happens, I think, more often with anonymous sex because you don’t have as many obstacles or judgments about your life and habitual patterns.

Die Essenz von Poesie ist das Öffnen von Herz und Geist. Der Geist lässt sich vielleicht ebenso wie das Herz öffnen: durch das Aufnehmen und Benutzen von fremden Stimmen. Denn sich selber ausdrücken zu wollen, führt nur zu den immer gleichen Meinungen und Mustern alltäglicher Gewohnheiten. Und vielleicht ist beides, Herz und Geist, letztlich dasselbe.

Ist das „pornographische Gedicht“ auch ein gefundenes Gedicht? Es klingt danach. Es kann aber genauso gut etwas sein, was John Giorno selber aufgeschrieben hat, in einem Tagebuch zum Beispiel, oder jemandem erzählt hat. Dann wäre dieses Gedicht nicht nur Zitat, es wäre auch ein persönliches Gedicht. Indem es aber zwölf verschiedene Stimmen sprechen, löst es sich wieder von wem auch immer es ursprünglich aufgeschrieben hat, es löst sich wieder von wem auch immer es gesagt worden ist.

Anonymität ist der Ort, wo sich Subjektivität und Objektivität treffen. Anonymität ist der Ort, wo Objektivität und Subjektivität ineinander übergehen und das eine als das andere auftaucht. Beide steigern einander: Umso größer die Objektivität ist, desto eher und mehr kann ich mich darin wiederfinden. Je stärker meine Subjektivität ist, desto mehr wirst Du Dich in mir erkennen.

My work is completly personal, absolut one hundred percent subjective, or one thousend percent! And when it works, it’s like the subjectivity becomes the objectivity. It becomes the subjectivity of the audience, so it’s what the audience wants to hear. And it’s inside that space that one works. There’s the idea that poets write about themselves, and that it’s very personal, therefore it doesn’t interest an audience. I write completely about myself, but I’m no different from anybody else in the audience. So it’s not subjective in the sense that it’s just me – but it’s everyone in the audience, and it becomes completley objective.

Ausschließlich über mich – und ausschließlich über Dich. Also einzig und allein über uns.

When a poem works the way that poem works, it becomes the reflection of the mind of each person in the audience. If there are 500 people in the audience, it’s like 500 mirrors looking at themselves. People think that when a poem works, it’s because of the lines of a great poet—Baudelaire, T. S. Eliot, Whitman, or whoever—but it’s not so. The lines, when they magically work, are the reflection of your mind. It’s almost like the poet is making a mirror that nobody can see.

So dass wir uns sehen können.